Schattensprung

Von – 30. März 2016

Ich stamme aus einer Familie, in der es gilt, möglichst nicht unangenehm aufzufallen. Das kennen sicherlich viele. Dies führte bei mir dazu, dass ich mich immer brav angepasst habe. Selbst die Lehrer lobten meine Anpassungsfähigkeit, klar doch. Eine Zeit lang schien dies der einfachere Weg für mich zu sein. Ich habe verschiedene Jobs gemacht, war am Anfang immer Feuer und Flamme, kam mit allen gut aus. Häufig habe ich mich nach zwei bis drei Jahren gelangweilt und bin weitergezogen. Irgendwie war das ja alles nett, aber es erfüllte mich gar nicht. Wer war ich eigentlich? Was war mein Ziel im Leben? Wo wollte ich hin? Über das „Sich-Anpassen“ hatte ich mich irgendwie verloren. Aber um anders zu sein, musste ich mutiger werden, mich mehr zeigen, mehr auffallen.

Der erste Schattensprung

Nach Jahren des Angestelltendaseins, entschloss ich mich, mich selbstständig zu machen – etwas, dass keiner von meinen Freunden mit mir zu dem Zeitpunkt in Verbindung brachte. Ich, die Sicherheitsliebende. Es war kein Entschluss aus heiterem Himmel, dazu plane ich zu gerne und mein Gehirn würde so etwas auch nie zulassen. Vorher wurde alles tausendmal durchdacht, viel gelesen, wurden andere beobachtet, bis, ja bis mein Bauch irgendwann dazwischenfuhr und Tatsachen schuf. Ich hatte eines morgens richtig Bock – wenn ich das mal so schreiben darf – darauf, es zu tun. Und von da an war es so, als wäre – den guten angesehenen Job zu kündigen und auf eigenen Beinen zu stehen – für mich das normalste der Welt. Viele fanden es mutig, aber ich fand es in dem Moment normal. Später wusste ich, dass es sich so anfühlt, wenn man weiß, dass es richtig ist. Das war mein erster Schattensprung.

Auf der Überholspur bremsen

Ein paar Jahre vergingen – mal gut, mal weniger gut – und immer noch blieb das Gefühl, dass ich noch nicht so richtig auf der Spur war. Immer wieder bremste ich mich selber aus, wurde unsicher oder verlor den Spaß an den Dingen die ich tat. Ich hatte immer noch nicht für mich entdeckt, was mir wirklich Freude machte, wofür ich brenne. Dann las ich eines Tages von einer Weiterbildung, die mich ganz schön nach vorne schleudern sollte. Ich hatte im Computer nach Weiterbildungsmaßnahmen recherchiert und bekam unter anderem den Vorschlag, eine Ausbildung zur „Körpersprache – und Kommunikationstrainerin“ beim Galli Theater in Freiburg zu machen. Ich las mir die einzelnen Module des Seminars durch und dachte, das hasse ich alles. Das ist ja peinlich. Rollenspiele, Ausdruckstanz, Bühnenpräsenz, der Clown in Dir und andere Spiele, bei denen man sich zeigen musste. Nach ein paar Überlegungen (und ein bisschen Rotwein) war mein Entschluss gefasst, das mache ich jetzt. Das war mein zweiter Schattensprung.

Treffen mit meinem inneren Kind

Die Kuh in Dir.

Die Kuh in Dir.

Einmal im Monat reiste ich nun mit dem Fernbus nach Freiburg. Es war ein Wochenendseminar. Freitags kam ich als Businessfrau an und sonntags fuhr ich als Mensch zurück, der sein inneres Kind getroffen hatte. Ich werde nie das zweite Wochenende vergessen, an dem ich endgültig bereit war, mit meinem Kind zu spielen. Wir standen in dem Übungsraum und sollten nun unsere sieben verschiedenen Energiemuster, nach Johannes Galli unsere Kellerkinder (Tranfunzel, Fetzer, Lästermaul, Großkotz, Flittchen, Geizhals, Binnix) durchtanzen. Wenn das nicht schon für mich eine Herausforderung war, kam es noch schlimmer. Jedem Kellerkind wurde ein Tier zugeordnet. Die Kuh stand zum Beispiel für die Tranfunzel. Wir sollten uns also in eine Kuh hineinversetzen, uns überlegen, wie sie sich bewegt, was sie macht und unterstützt von passender Musik die Bewegung der Kuh tanzen. Reinspüren eben. Für Dich, lieber Leser, kein Problem? Für mich ein Albtraum. Ich stand da mit meinem Business-Gehirn und dachte, das macht doch wohl keiner. Peinlicher geht ja nicht. Vorsichtig drehte ich mich zu den anderen und war überrascht, niemanden mehr zu sehen. Kein Wunder, denn die anderen hatten nicht so viele Problem damit wie ich, sie krochen auf dem Boden herum, muhten, grasten, bewegten sich träge. Ok, dachte ich, es gibt jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder ich gehe, ich bin ja ein freier Mensch, oder ich bleibe und erlebe, was das alles mit mir macht. Das war mein dritter Schattensprung.

Mein Freund der Clown

Ich habe gelernt, dass mir nichts peinlich sein muss und dass das, was ich peinlich finde, für andere nichts Besonderes ist. Mit dem Clown, der auch noch auf dem Seminarprogramm stand, habe ich dann einen Freund kennengelernt, den ich lange verschmäht hatte – klar doch, wenn der nicht peinlich ist, wer dann? Aber er hat mir gezeigt, dass es befreiend ist, in unangenehmen Situationen einfach zu lachen. Auch bei Stress besitzt er wunderbare Heilkräfte. Mit meinem inneren Clown erlaube ich mir Fehler, falle hin und stehe wieder auf. Genau wie der Clown, der scheitert, aber nicht liegen bleibt, sondern immer wieder aufsteht. Auf meinem Schreibtisch liegt eine Clownsnase, die mich daran erinnert, nicht alles so zu Herzen zu nehmen, locker zu bleiben und öfter mal zu lachen.

kirsten-becker-blog-kirsten-clownNach diesem befreienden Erlebnissen, habe ich inzwischen das Gefühl, meine Bahn betreten zu haben und meine eigenen Spuren zu hinterlassen. Mein Ziel wird mir klarer, ich bleibe an Dingen dran, weil sie mir einfach Spaß machen und gebe inzwischen eigene Workshops, um andere bei ihren Schattensprüngen zu helfen. Schritt für Schritt gehe ich meinen Weg und spüre Zufriedenheit.

Neulich, als ich meinen älteren Bruder und meine zwei kleinen Neffen traf, setzte ich die Clownsnase auf, um die beiden Kleinen zu „bespaßen“. Da meinte mein Bruder trocken: „Mann, musst Du in dem Seminar gelitten haben.“ Ich glaube in dem Moment sagte sein Gehirn: Fremdschämen. Und ich lachte.

Meine Def. Schattensprung: Als Erwachsene noch mal so richtig über seinen eigenen Schatten springen.

Notfall Clownnase fürs Büro. www.liebeskummerpillen.de

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Wie sieht es bei Ihnen aus? Wo sind Sie über Ihren Schatten gesprungen und daran gewachsen? Was war für Sie Ihr peinlichster Moment und wie sind Sie damit umgegangen? Schreiben Sie mir! Ich freue mich.

 

 

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Über die Autorin

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Als Kommunikationsexpertin und freie Journalistin berate ich Unternehmen in Change Prozessen. Das Thema "Veränderung" hat mich schon immer fasziniert, vor allem weil jeder anders damit umgeht. Neues wagen verbinde ich mit geistiger Wachheit und Kreativität. Für meinen Blog bin ich immer auf der Suche nach interessanten Menschen und Geschichten, die mit Veränderung zu tun haben. Ich liebe es, aus einer Idee eine Story zu entwickeln. Dabei möchte ich mit meinen Geschichten informieren und inspirieren. Meine langjährige Kommunikationserfahrung habe ich in verschiedenen internationalen PR-Agenturen in Düsseldorf und als Pressesprecherin bei einem großen Finanzdienstleister in München gesammelt. 

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