Die Chancen im Leben nutzen

Von – 24. August 2016

Mit dem Projekt „Erzähle mir Deine Geschichte“ möchte ich Menschen über ihr Leben sprechen lassen. Oft verbirgt sich hinter dem Leben ganz „normaler“ Leute viele kleine und große Geschichten, die spannend sind. Meine erste Erzählerin ist Claudia Kaviani.

Wenn ich Claudia Kaviani bei unseren Theaterproben im Galli Theater erlebe, dann fällt mir immer wieder auf, wie viel Energie die heute 67 jährige versprüht. Sie ist immer in Bewegung: Wenn sie nicht mit uns probt, dann spielt sie die Frau Botoxky im Galli-Theaterstück „Seele oder Silikon“ oder sorgt dafür, dass sich die Gäste der Galli-Jazzlounge wohlfühlen. Daneben kümmert Claudia sich regelmäßig um jugendliche Flüchtlinge und bringt ihnen Deutsch bei. So viel Energie macht mich neugierig und als sie mir ein bisschen von ihrem Leben erzählte, wollte ich mehr wissen. Ich habe sie gefragt und sie hat mir ihre Geschichte erzählt. Hier ist mein Protokoll:

Mein Leben ist bisher sehr abwechslungsreich gewesen. Ich habe sehr früh meinen damaligen Mann kennengelernt, der aus dem Iran stammte. Seine Familie lebte, genauso wie ich, in Heidelberg. Er studierte Chemie und ich war Abiturientin als wir zusammenkamen. Mit 21 Jahren habe ich ihn geheiratet und wir bekamen unseren Sohn. Mich reizt das Persische und Orientalische bis heute. In Heidelberg habe ich durch die iranischen Freunde und die Familie meines Mannes richtig feiern gelernt. Das war damals für mich ein schöner Kontrast zu meinem doch konventionellen Elternhaus mit 6 Geschwistern. Auch hatte es mir die persische Küche sehr angetan, mit der ich immer noch gerne meine Gäste verwöhne.

Da ich früh Mutter wurde, wollte ich nach dem Abitur einen Beruf erlernen, dessen Ausbildung nicht zu lange dauerte. Ich habe an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg Kunst und Englisch auf Lehramt studiert. Nachdem ich das erste Staatsexamen abgelegt hatte, wurde unsere Tochter geboren. Wir sind danach oft umgezogen, da mein Mann promovieren wollte, aber an keiner Universität fertig wurde. Auf Österreich folgte der Iran, dann wieder Österreich und wir blieben am Ende in Wien.

Die schlimmste Zeit erlebte ich, als mein Mann 1980, ohne es mit mir abzustimmen, meine damals 4 jährige Tochter einfach mit in den Iran nahm. Mein Sohn blieb bei mir. Das war eine harte Zeit. Gleichzeitig begann aber auch meine Wandlung in die Selbstständigkeit. Denn jetzt war ich auf mich gestellt. Ich musste sehen, wie ich mich und meinen Sohn finanzierte. In Wien hatte ich das Glück, dass ich an einem Privatgymnasium tagsüber Kunst unterrichten konnte, obwohl ich nur das erste Staatsexamen gemacht hatte. So konnte ich etwas Geld verdienen und nachmittags habe ich geputzt.

Die Sehnsucht zu meiner Tochter ließ mir keine Ruhe. Ein Jahr später beschloss ich, zu ihr zu reisen. Meinen Sohn habe ich bei meinen Eltern gelassen und bin in den Iran geflogen. Ich wusste nicht, ob mich mein Mann in sein Haus lässt, ob ich meine Tochter sehen konnte. Mit nur einem Koffer kam ich an. Als ich den Koffer kurz vor dem Gartentor seines Hauses stehen ließ, um zur Hintertür zu gehen, war er verschwunden. Somit hatte ich nichts mehr, außer meinen Papieren. Ich sah meine Tochter wieder, die kaum noch Deutsch konnte. Mein Mann und ich haben es dann wieder versucht und ich habe meinen Sohn in den Iran geholt.

Zwei Jahre lebten wir nun wieder im Iran in der islamischen Republik. Bei unserem ersten Aufenthalt kurz nach der Revolution habe ich noch im Bikini am Kaspischen Meer gelegen, später trugen meine Tochter und ich den Tschador. Viel machen konnte ich dort als Frau nicht. Das Leben findet im privaten Bereich statt. Viele haben einen Garten der durch eine Mauer abgeschirmt ist. Wir hatten auch einen und da saß ich oft und trank Tee, nachdem ich meine Kinder in die Schule gebracht hatte. Um nicht verrückt zu werden, begann ich wieder mit der Malerei. Das hat mir sehr geholfen. Daneben lernte ich am Goethe Institut Farsi, aber es war schon sehr gefährlich, auf die Straße zu gehen. Als die Verhältnisse immer schlechter wurden, kamen wir schließlich zurück nach Europa und blieben in München. Unser einziger Besitz waren vier Koffer und 1200 DM.

Am Anfang wohnten wir mit den Kindern in einem winzigen Hotelzimmer. Ich kann mich erinnern, dass ich auf dem Bett mit meinem Sohn Hausaufgaben gemacht habe. Mein Mann hat nicht gearbeitet. Also musste ich das Geld verdienen. Ich habe Deutschkurse für ausländische Arbeitnehmer gegeben und sonntags Toiletten geputzt. Die Arbeit hat mir rückblickend gar nichts ausgemacht. Mit dem Erbe meiner Großmutter konnten wir uns später eine kleine Wohnung nehmen. Und mit 37 Jahren nahm ich mein Studium wieder auf. Mit 40 Jahren habe ich mein zweites Staatsexamen abgelegt. Mein Mann kehrte nun in den Iran zurück und wir haben 10 Jahre nichts mehr von ihm gehört. Meine Kinder blieben bei mir. Heute hat er sporadischen Kontakt zu seinem Sohn und seiner Tochter.

Die strikten Regeln des Lehrerberufs konnten mich nie begeistern. Ich habe bis zu meiner Rente in München an einer Mittelschule die 5. – 9. Klasse unterrichtet. Der Kontakt zu den Kindern hat mir viel Spaß gemacht. Für mich war es aber wichtig, neben der Lehrtätigkeit etwas zu machen, das kreativ ist. Viele Jahre war ich im Team eines Tanztheaters. Mit 50 Jahren bin ich mit dem Tanztheater im Gasteig in der Black Box aufgetreten. Das war einmalig. Die Malerei hat mir ebenfalls viel gegeben. Irgendwann lernte ich das Galli Theater in München kennen. Dort konnte ich in die Schauspielerei hineinschnuppern, was mir auch beruflich sehr geholfen hat. Meine Erfahrungen auf der Bühne ließ ich in den Unterricht einfließen. Ich organisierte Theater- und Tanz-AGs und Auftritte der Schüler auf Stadtteilfesten. Durch meine Kreativität fühlte ich mich nicht so eingeengt. Auch heute noch kommen mir die Kinder entgegen, wenn ich die Schule besuche und freuen sich. Da denke ich, da hast du etwas richtig gemacht.

Je älter ich werde, umso gelassener werde ich. Als die Rente bevorstand, habe ich mich schon gefragt, was wird nun und hatte ein bisschen Angst davor. Ich war offen und habe überall signalisiert, dass ich Zeit und Lust habe, mich weiterzuentwickeln. Da bekam ich ein Angebot vom Galli Theater, die Theaterlounge zu unterstützen, Gäste zu bewirten, Tickets zu verkaufen und auch die Jazz Konzerte zu betreuen. Und seit kurzem spiele ich im Abendtheater eine Hauptrolle im Stück „Seele & Silikon“. Oft sind die Texte eine große Herausforderung für mich, aber dann freue ich mich, wenn ich sie auswendig kann. Das Schauspiel gibt mir so viel, spricht so viele Seiten in mir an. Für mich ist Durchhalten sehr wichtig. Nicht denken, dass im Alter alles vorbei ist. Wenn ich zum Beispiel eine Rolle spiele und merke, das war gar nicht gut, dann mache ich trotzdem weiter und bleibe dran.

Ich bin jetzt 67 Jahre alt und das Leben ist so wunderbar interessant geworden. Ich fühle mich so lebendig und mir ist es egal, wie alt ich bin. Ich kann alles selbst entscheiden. Rückblickend möchte ich nichts missen. Alles was war, war irgendwie doch gut. Es ist mir immer das begegnet, was ich mir gewünscht habe – manchmal anders, als ich gedacht hatte – aber es kam. Mein Traum war zum Beispiel, ein eigenes Kulturcafé zu führen. Und plötzlich habe ich so etwas Ähnliches in der Theater Lounge gefunden. Man sollte immer einen Traum haben, auch wenn man ihn zwischendurch aus den Augen verliert. Denn er kann doch real werden. Dafür sollte man aber immer offen sein. Auch meine Zeit im Iran möchte ich nicht missen. Heute kann ich durch das Farsi, was ich dort gelernt habe, afghanischen Jugendlichen Deutschunterricht geben. Somit lerne auch ich wieder hinzu und verbessere meine Sprache. Im Leben ist nichts verloren, was man einmal hatte.

Die Chancen im Leben nutzen und offen sein für alles was kommt – das ist mein Lebensweg. Heute genieße ich es, dass ich mir Zeit nehmen kann. Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Kindern und Enkelkindern und bin stolz auf sie. Ich achte auf meine Ernährung und befasse mich mit Ayurveda. Es gibt ein schönes Motto im Ayurvedischen: Man lebt, um glücklich zu sein – das kann ich nur unterstreichen. Ein weiterer Traum den ich mir erfüllen will: Eine Reise nach Indien.

Kleidung im Iran Foto: privat

Kleidung im Iran Foto: privat

Foto: privat

Tanztheater vor der Pinakothek in München Foto: privat

Foto privat

Foto privat

Foto: Galli Theater

Claudia auf der Bühne Foto: Galli Theater München

Ein Hobby: Die Malerei Bild: Claudia Kaviani

Ein Hobby: Die Malerei Bild: Claudia Kaviani

Malen für die Seele. Bild: Claudia Kaviani

Malen für die Seele Bild: Claudia Kaviani

Über die Autorin

author

Als Kommunikationsexpertin und freie Journalistin berate ich Unternehmen in Change Prozessen. Das Thema "Veränderung" hat mich schon immer fasziniert, vor allem weil jeder anders damit umgeht. Neues wagen verbinde ich mit geistiger Wachheit und Kreativität. Für meinen Blog bin ich immer auf der Suche nach interessanten Menschen und Geschichten, die mit Veränderung zu tun haben. Ich liebe es, aus einer Idee eine Story zu entwickeln. Dabei möchte ich mit meinen Geschichten informieren und inspirieren. Meine langjährige Kommunikationserfahrung habe ich in verschiedenen internationalen PR-Agenturen in Düsseldorf und als Pressesprecherin bei einem großen Finanzdienstleister in München gesammelt. 

Newsletter