„Auf der Bühne kann ich meine Verrücktheit ausdrücken“

Von – 20. Januar 2017

Mein erstes Business Theater erlebte ich in den 90er Jahren als Berufsanfängerin in Düsseldorf: Auf einer Mitarbeiterveranstaltung eines Kunden wurde mithilfe des Business Theaters die schwierige Beziehung von Außen- und Innendienst dargestellt. Mich hat damals fasziniert, wie einfach es war, spielerisch die Dinge auf den Punkt zu bringen. Jahre später in München, entdeckte ich das Theater von Johannes Galli, das neben Theaterstücken auch erfolgreich Business Theater anbietet. Ich wollte mehr darüber wissen, selber lernen und absolvierte eine Ausbildung zur Körpersprache- und Kommunikationstrainerin nach der Galli Methode®. Beim Galli Theater in München spiele ich seitdem in Business Theaterstücken mit. Die Methode überzeugt mich immer noch und lässt sich gut mit meiner Kommunikationsberatung verbinden. Im Interview mit Michael Wenk, Leiter Galli Trainings Center und Galli Business Theater, München, wollte ich wissen, wie eigentlich alles begann und was für ihn persönlich das Spielen auf der Bühne bedeutet. Viel Spaß beim Lesen!

Michael Wenk, Leiter Galli Trainings Center und Galli Business Theater

Michael Wenk, Leiter Galli Trainings Center und Galli Business Theater, Fotos: Galli Theater

Was war der Auslöser, Dich mit der Schauspielerei zu beschäftigen?

Das war während meines Psychologiestudiums 1982 in Freiburg. Mein Berufswunsch war damals Psychotherapeut zu werden mit Schwerpunkt auf Kinderpsychologie. Bei einem Praktikum in einem Kindergarten in meinem Heimatort Freiburg-Hochdorf, lernte ich Johannes Galli kennen. Er war zu Besuch im Kindergarten und kam als Geschichtenerzähler. Mich hat sofort beeindruckt, wie er die Kinder mit seiner Art des Erzählens begeistert hat. Dabei ging es nicht nur um das Erzählen einer Geschichte, sondern Johannes Galli forderte die Kinder auch auf, selbst aktiv zu werden und die Geschichte wieder zu erzählen. Mich hat die Kombination aus seiner lockeren Art und der gleichzeitigen Präzision seiner Stimme und seiner Gesten fasziniert. Seitdem verspürte ich plötzlich selber eine Lust, Theater zu spielen, was ich mir aber zu dem Zeitpunkt nicht eingestand.

Was hat Dich dann doch überzeugt?

Mein Studium war sehr theoretisch und als ich meine Prüfungen abgeschlossen und meine Diplomarbeit gebunden hatte, habe ich mir zur Belohnung im Institut für ursprüngliche Theaterkunst in Freiburg einen Theaterkurs mit dem Titel „Theaterspiel als Selbsterkenntnis“ geschenkt. Johannes Galli, der Workshopleiter, war damals als Clown Galli bekannt und sein Theaterstück „Die Prüfung“ gerade mit dem baden-württembergischen Kleinkunstpreis ausgezeichnet worden. Dieser Wochenend-Workshop hat mein Leben verändert. Ich habe erlebt, welche Power ich in mir trage, wie kreativ ich sein kann und dass es mir locker und leicht fällt, durch Rollenwechsel enorme Kräfte zu aktivieren. Themen, an denen ich zwei Jahre während meines Studiums in meiner Gestalt- und Psychotherapie gearbeitet hatte, wurden durch das Spielen endlich gelöst. Da war mir klar, das mache ich weiter. Nach meinem Zivildienst wurde ich im Juli 1988 Schauspieler beim Galli Theater.

Wie entstand die Idee des Galli Business Theaters?

Es gibt diese schöne Anekdote: 1988 nahm die Ehefrau eines Daimler Managers an einem Galli Sommer Workshop teil und war so begeistert, dass sie ihrem Mann davon erzählte. Dieser lud Johannes Galli ein, bei einem Ernennungsseminar für Führungskräfte der Ebene E3, als Hofnarr aufzutreten. Beim Vorgespräch fragte der Daimler Manager, welchen Tagessatz Johannes Galli verlangen würde. Galli überlegte kurz und nannte dann todesmutig einen Tagessatz von 900 DM. Als der Manager meinte, dass dies nicht ginge, reduzierte Galli seinen Tagessatz auf 750 Euro. Der Manager schüttelte erneut den Kopf und klärte ihn auf, dass er für solch ein Qualitätsprodukt nicht so wenig zahlen könnte, weil er es sonst im Konzern nicht durchkriegen würde. Er müsse mehr verlangen, um die Wertigkeit zu zeigen. Da hat Galli gemerkt, was für ein gutes Produkt er in der Hand hat.

Situationstheater

Situationstheater

Wie ging es dann weiter?

Lange Jahre war Johannes Galli sehr begehrt als „Hofnarr“ unterwegs und hat mit der Methode des Kommunikationstheaters Managerrunden aufgemischt. Er erkannte, dass die künstlerische Arbeit in Unternehmen, wenn sie präzise und genau die Prozesse in den Unternehmen – vor allem die Kommunikationsprozesse – widerspiegelt, sehr geschätzt wird. Erste Auftragsstücke für Daimler und andere Kunden folgten. Ich war Teil des Ensembles. Wir haben zum Beispiel das Märchen von Hans im Glück für die Abschiedsfeier eines scheidenden Vorstandsvorsitzenden inszeniert und seine Lebensgeschichte in Bildern mit schönen Kostümen sehr stilisiert dargestellt. In der Geschichte geht es ja darum, Materie loszulassen und das Geistige zu erfassen. Das passte sehr gut. Wir entwickelten Produktionen unter anderem für Allianz, Daimler, BASF, BMW, Novartis, Siemens, Telekom. Damals erhielten wir die ersten Aufträge aus dem Ausland. Ich habe von 1999 – 2001 in den USA für The DOW Chemical Company 22 Business Theater Produktionen im Rahmen eines Six Sigma-Prozesses durchgeführt.

Was ist für Dich die Besonderheit des Business Theaters?

Auf der Bühne lebt die Übertreibung

Auf der Bühne lebt die Übertreibung

Das Business Theater hat die Möglichkeit, ein Thema, das sonst eher mit trockenen Power Points oder Vorträgen vermittelt wird, in lebendigen Szenen darzustellen und zu erzählen. Das ist eine Form der Wissensvermittlung, die Menschen emotional anspricht und dazu führt, dass Leute energetisiert werden. Eine Methode, die besonders bei Veränderungsprozessen erfolgreich ist.

Wie gehst Du dabei vor?

Ich bespreche mit meinem Auftraggeber das Thema und befasse mich mit dem Wording, den Fachterminologien, das heißt also der Unternehmenssprache, die für das Stück wichtig ist. Dann briefe ich unseren Autor Johannes Galli und er entwickelt ein Storyboard oder ich erstelle es selbst. Dieses stimme ich mit dem Auftraggeber ab. Am Veranstaltungstag wird von Galli-Spielern ein für diesen Zweck vorbereitetes Theaterstück aufgeführt. Die Mitarbeiter oder Führungskräfte lehnen sich zurück und glauben, sie seien Konsumenten und merken nicht, dass sie damit schon elektrisiert werden. Der zweite Schritt ist das Situationstheater, das heißt wir improvisieren und schneiden das Thema schärfer auf die Leute zu. Jetzt kommen sie selber in die Rolle von Regisseuren, übernehmen mehr Verantwortung, gestalten über ihre Zurufe die kurzen Theatersequenzen. Danach gibt es eine Phase, in der wir mehr Trainingsinput geben, wie beispielsweise Körperspracheübungen. Dies hilft dabei, präziser in der Kommunikation zu werden. Anschließend gibt es das Mitarbeitertheater. Hier können die Teilnehmer Themen und Inhalte mithilfe von kleinen Szenen spielerisch rüberbringen – quasi als Ergebnispräsentation anstelle von Power Point oder Vortrag. Da habe ich die irresten Sachen erlebt. Da kommen Dinge zur Sprache, die sonst nicht gezeigt werden. Die Leute singen, entwickeln Szenen, die im Mittelalter oder in der Zukunft spielen, Teams stellen sich als Fußballteam oder als Indianerstamm dar. Da zeigen Leute Potentiale, die sie sonst nicht entdeckt hätten.

Du bist seit drei Jahren auch in China tätig. Was ist der Unterschied?

Märchentheater in China

Märchentheater in China

Wir haben in China zwei Galli Theater, ein mobiles in Peking und ein stationäres in Zheng Zhou. Dort bieten wir Ausbildungskurse zum Galli Trainer an. Die Teilnehmer nutzen die Galli Methode® zur Persönlichkeitsentwicklung. Daneben arbeite ich unter anderem für China Telekom, eine Pekinger Immobilienfirma sowie für Sinopec, eine Mineralölfirma. Ich führe dort Führungskräftetrainings „Die 7 Talente einer Führungskraft“ durch, basierend auf Johannes Galli’s 7 Kellerkinder®-Typologie. Die Chinesen sind sehr offen dafür, da sie sich in ihrer 6.000 jährigen Tradition viel mit Persönlichkeitsmodellen beschäftigt haben – vor allem mit astrologischen. Jeder klopft sich regelmäßig seine Meridiane. Sie achten auf Gesundheit und eine hohe Disziplin. Gleichzeitig sind sie ein lustiges Volk. Sie spielen gerne und das witzig und frech. Auch wenn sie von der Grundhaltung bescheiden wirken, sind sie auf ihre eigene Kultur sehr stolz. Sie wissen um die Bedeutung ihres Landes in der Welt. Ihr Bedürfnis nach Bildung ist groß und sie achten uns Deutsche als geistig und kulturell gut ausgebildetes Volk. Sie sind der Ansicht, dass das Bildungsangebot, das aus Deutschland kommt, ihnen einen Mehrwert bringt. Wenn ich mit ihnen arbeite macht das sehr viel Spaß, da sie sich einbringen und annehmen, was ich vermittle. In Deutschland dagegen, muss ich mich als Trainer oft rechtfertigen. Da möchte sich jeder produzieren und beweisen, dass er oder sie alles besser weiß. Das zweite Galli Theater in China befindet sich in einer Einkaufsmall in Zheng Zhou. Dort werden die ersten Leute zu Schauspielern ausgebildet, die deutsche Märchen spielen werden. Der Kontakt kam über die HR Managerin einer Immobilienfirma, der die Mall gehört und die bei uns einen Ausbildungskurs gemacht hat. Auch in Quindao im Nordosten von China wird es wohl in Bälde neue Galli Workshops geben.

Was ist Deine persönliche Vision für die nächsten Jahre?

Michael Wenk & Helena George

Michael Wenk & Helena George

 

Ich möchte auf jeden Fall weiter auf der Bühne stehen, da ich dort meine eigene Verrücktheit ausdrücken kann. Bei Unternehmenstrainings mäßige ich mich eher, da man immer aufpassen muss, niemanden auf den Schlips zu treten. Seit 2001 betreibe ich – inzwischen zusammen mit meiner Frau Helena George – mein eigenes Galli Theater in München. Mit meinen Kollegen im Galli Theater Wiesbaden und Frankfurt spiele ich die Stücke „Der Beziehungscoach“ und „Die letzten Helden“ – eine etwas andere Darstellung der Nibelungensage. Auch im Business Theater machen mir Rollen Spaß, in denen ich die Grenzen des Alltags sprengen kann. Letztes Jahr war ich in Mexiko, wo wir für das dortige Goethe Institut gearbeitet haben. In diesem Land steckt viel Potential für unsere Galli Methode®, das möchte ich weiter verfolgen. Dieses Jahr werden wir Südamerika bereisen: Chile, Argentinien. In den folgenden Jahren Afrika und Australien. In New York gibt es bereits ein Galli Theater. Mein Traum ist es, auf jedem Kontinent ein Galli Theater zu etablieren – sozusagen weltumspannend.

Mehr zum Thema Business Theater und Beispiele: http://galli-businesstheater.de/mediathek/

Ein Wort zum Schluss

Ich muss zugeben, es kostet sicher viel Überwindung, vor Kollegen auf die Bühne zu gehen. Das erlebe ich auch im Business Theater bei Mitarbeiterveranstaltungen. Die Mitarbeiter sind erst sehr vorsichtig – aber wenn sie sich dann trauen, sind sie davon begeistert. Und diese Begeisterung gilt nicht nur ihnen selbst, sondern auch den Kollegen, die sich und ihre Ideen durch das Spiel leichter ausdrücken können. Falls schon jemand Erfahrung damit gemacht hat, freue ich mich über Erfahrungsberichte.

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Über die Autorin

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Als Kommunikationsexpertin und freie Journalistin berate ich Unternehmen in Change Prozessen. Das Thema "Veränderung" hat mich schon immer fasziniert, vor allem weil jeder anders damit umgeht. Neues wagen verbinde ich mit geistiger Wachheit und Kreativität. Für meinen Blog bin ich immer auf der Suche nach interessanten Menschen und Geschichten, die mit Veränderung zu tun haben. Ich liebe es, aus einer Idee eine Story zu entwickeln. Dabei möchte ich mit meinen Geschichten informieren und inspirieren. Meine langjährige Kommunikationserfahrung habe ich in verschiedenen internationalen PR-Agenturen in Düsseldorf und als Pressesprecherin bei einem großen Finanzdienstleister in München gesammelt. 

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