Der Musterbrecher

Von – 12. März 2017

Neulich saß ich im Zug und war mit der Welt rundum zufrieden. Draußen schien die Sonne. Ich sah aus dem Fenster und ließ meine Gedanken schweifen. Wälder und Wiesen zogen an mir vorbei. Plötzlich bemerkte ich, dass jemand neben mir saß. Ich war wohl so vertieft gewesen, dass ich gar nicht wahrgenommen hatte, wann er eingestiegen war. Als ich mich zu ihm umdrehte, erkannte ihn sofort: Es war der Bremser. Klein und schmal war er geworden, dachte ich kurz. Früher hatte er mich häufig besucht und war ziemlich groß und dick gewesen. Anscheint hatte er abgenommen.

Ich lächelte ihn unsicher an. Was wollte er hier? Und warum jetzt? Es läuft doch prima bei mir.

Er lächelte zurück: “Na, alles klar?” fragte er.

“Ja, alles klar”, antwortete ich und war verwundert, dass meine Stimme plötzlich leicht quiekte. Wo kam auf einmal diese Unsicherheit her?

“Dann bin ich ja froh. Dachte du schaffst vielleicht die ganzen Aufgaben nicht, die jetzt vor dir liegen. Ist doch schon ziemlich viel, oder? Erfolg kann anstrengend sein. Und die ganzen Termine. Da hat man ja gar keine Freizeit mehr. Mir würde das ja nicht gefallen.”

Oh, nein, er laberte und laberte und ich fühlte mich immer elender. Waren das nicht meine Gedanken, die tief in mir schlummerten?

Ich drehte mich wieder weg, sah aus dem Fenster und versuchte, den Bremser zu ignorieren. Es gelang mir nicht. Denn er wurde plötzlich dicker und dicker und ich spürte seine Anwesenheit umso stärker. Ich schloss kurz die Augen. Als ich sie wieder öffnete, saß der Bremser schwitzend neben mir und lächelte immer noch. Nein, dachte ich, er soll mich in Ruhe lassen. Dann sah ich, dass sich mir gegenüber jemand hingesetzt hatte. Ich sah den Fremden fragend an.

“Ich bin der Musterbrecher”, sagte er.

Oje, was wollte der von mir? Den kannte ich nicht. Während der Bremser mir vertraut war, war ich dem Musterbrecher noch nie begegnet. Er sah ganz passabel aus, ein wenig schräg vielleicht mit seinen geblümten Hosen, einem blau-grün kariertem Hemd und der roten Krawatte. Auf dem Kopf trug er einen Strohhut. Er war ziemlich groß. Ich bemerkte, dass ein Auge grün und das andere blau war. Er sah mich aufmunternd an.

“Es bringt nichts, den Bremser zu ignorieren. Er will ja nur helfen.”

Seine Stimme klang beruhigend. Ich überlegte kurz und beobachtete den Bremser erneut. War er nicht immer größer und dicker geworden, je mehr ich ihn ignoriert hatte? Unsicher lächelte ich den Musterbrecher an. “Was ist die Lösung?” fragte ich ihn.

“Nimm ihn an. Er ist ein Teil von dir”, sagte dieser.

Ich drehte mich wieder zum Bremser um. Er sah jetzt wirklich schrecklich aus. Seine schwarzen Haare hingen ihm im Gesicht und der Arme wischte sich mit einem Taschentuch ständig seinen Schweiß aus dem Nacken, aber es half nichts. Alles an ihm war anstrengend.

“Schön”, versuchte ich es und sprach den Bremser an. “Deine Anmerkungen vorhin – da hast du es sicherlich gut gemeint. Danke. Es ist gut, dass es dich gibt. Aber es ist alles prima so wie es ist.” Der Bremser lächelte wieder und – täuschte ich mich –  er wurde kleiner. Ich atmete durch.

“Das klappt doch ganz gut”, meinte der Musterbrecher. “Jetzt geht es darum, deine Muster immer wieder zu erkennen. Dann kannst du sie auch ändern. Das ist eine Lebensaufgabe”, lachte er.

Ich lachte nicht. Aber mir war klar, dass er recht hatte.

Wir fuhren in den nächsten Bahnhof ein und ich stieg aus. Meine Begleiter waren verschwunden.

Ein Wort zum Schluss

Wie sieht Ihr Bremser aus? Kennen Sie auch schon Ihren Musterbrecher? Freue mich über Ihre Beschreibungen. Seien Sie phantastisch!

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Über die Autorin

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Als Kommunikationsexpertin und freie Journalistin berate ich Unternehmen in Change Prozessen. Das Thema "Veränderung" hat mich schon immer fasziniert, vor allem weil jeder anders damit umgeht. Neues wagen verbinde ich mit geistiger Wachheit und Kreativität. Für meinen Blog bin ich immer auf der Suche nach interessanten Menschen und Geschichten, die mit Veränderung zu tun haben. Ich liebe es, aus einer Idee eine Story zu entwickeln. Dabei möchte ich mit meinen Geschichten informieren und inspirieren. Meine langjährige Kommunikationserfahrung habe ich in verschiedenen internationalen PR-Agenturen in Düsseldorf und als Pressesprecherin bei einem großen Finanzdienstleister in München gesammelt. 

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