Kreativität leben

Von – 10. Dezember 2019

Ich gehe häufig auf Vernissagen, weil ich mich gerne überraschen lasse. Was werde ich sehen? Welche kreativen Ideen der Künstler erwarten mich? Bei einer der letzten Vernissagen der Galerie Hegemann in München, traf ich das Künstlerpaar Sandra Brugger (33 Jahre) und Mannfred Hellweger (33 Jahre), beide Bildhauer aus Österreich. Sie strahlten so viel kreative Freude aus, dass mir dies sofort auffiel. Ihre Arbeiten haben mich beeindruckt. Wir kamen an dem Abend ins Gespräch und am Ende entstand dieses Interview. Ich freue mich riesig, dass sie mitgemacht haben. Und wer nun wissen möchte, wie die beiden auf ihre Ideen kommen, ob der künstlerische Weg von Anfang an klar war und wie viel Leidenschaft man benötigt, erfährt dies hier.

Sandra Brugger und Manfred Hellweger.

Manni, seit wann wusstest Du, dass Du Bildhauer werden möchtest und was hat Dich daran fasziniert?

Manni: Ich habe als Kind immer schon gerne gezeichnet und später im Gymnasium hat mir mein Professor der bildnerischen Erziehung zu einer Kunstschule geraten. Das tat ich dann auch und habe mich für die Bildhauerei entschieden, da ich immer schon fasziniert war, wie man aus einem Stück Holz oder einem Stein eine Skulptur entstehen lassen kann.

Wie war es bei Dir Sandra? Wann war Dir klar, dass Du Deinen Beruf als Bankkauffrau nicht mehr ausüben möchtest?

Sandra: Ehrlicherweise war mir das von Anfang an bewusst. Ich war schon immer kreativ, wollte aber nicht mehr auf Kosten meiner Mama leben und somit war mir früh klar, dass ich mein eigenes Geld verdienen möchte. So kam ich vorerst zur Bank. Ich bereue diesen Schritt nicht, es hat mir sehr viel gebracht und ich habe viel gelernt. Mein ursprünglicher Plan war es allerdings, bereits nach meiner Lehre zu kündigen, was dann aber nicht so leicht war, wie ich dachte.  Über die Jahre fiel es mir immer schwerer meine Kreativität zu leben, ihr Ausdruck zu verleihen. Mir fehlte mehr und mehr die Motivation dazu, obwohl ich mir mein Leben ohne Kunst gar nicht mehr vorstellen kann. Im Nachhinein betrachtet, verstehe ich, warum ich damals gesundheitliche Probleme hatte. Mir fehlte dieser essentielle Teil in meinem Leben. Auf der anderen Seite hatte ich aber keinen Ansporn, mich hierfür zu motivieren. Somit zogen Jahre an mir vorüber, bis ich den Schritt endlich wagte und bereit für etwas Neues war.

Warum hast Du Dich dann für die Bildhauerei entschieden?

Sandra: Nach meiner Kündigung wusste ich zu Beginn erst einmal gar nicht, wie es weitergehen soll. Ich erkundigte mich ausführlich über verschiedenste Berufe, sammelte sämtliche Unterlagen, stöberte im Internet. Und dann stieß ich auf die Website einer Schnitzschule und dachte: ,,Wow! Unglaublich, was die da machen!“ Mich überkam so ein gewisses Gefühl, Tränen schossen in meine Augen und ich dachte mir nur noch, dass ich das auch können will. Als nächstes überwogen allerdings schon gleich die Zweifel. Wie soll das aber gehen? Das klappt sowieso nicht! Das kann ich nicht… Somit legte ich diese Idee und die Euphorie erst einmal beiseite. Für mich war klar, ich möchte etwas Kreatives machen. Entweder Bildhauerei, Werbedesign oder Mediendesign. Ich bewarb mich an der Bildhauerschule und an der Mediendesignakademie in Salzburg, machte bei beiden die Aufnahmeprüfungen und beschloss einfach dorthin zu gehen, wo sie mich nehmen würden. Nun wurde ich aber an beiden genommen. Somit war die Entscheidung wieder nicht leicht für mich. Allerdings wusste ich, ich wollte nicht mehr den ganzen Tag vor dem Computer verbringen, sondern was mit meinen eigenen Händen erschaffen. Die Entscheidung fiel auf die Bildhauerei, auch wenn ich von einigen zu hören bekam, dass dieser Beruf keine Zukunft hätte. Ich ging in die Schnitzschule in Elbigenalp, ohne jemals zuvor ein Schnitzeisen in der Hand gehabt zu haben.

Falke in Ladis

Manni, Du bist seit 2005 selbstständiger Bildhauer und setzt viele unterschiedliche Projekte um. Welche Projekte liegen Dir am meisten am Herzen?

Manni: Am liebsten setze ich Projekte um, bei denen ich viel künstlerische Freiheit habe, also wo ich möglichst viele eigene Ideen mit einfließen lassen kann. Hier hat es mir die Kunstform „Landart“ besonders angetan, weil man hauptsächlich mit Materialien aus der Natur und in der Natur arbeitet.

Mit welchem Material arbeitest Du am liebsten?

Manni: Mein Favorit ist eindeutig Holz, da dieser Werkstoff sehr angenehm zu bearbeiten ist und man dieses Material untereinander wunderbar kombinieren kann. Dabei faszinieren mich die vielen verschiedenen Holzarten, die sich oft sehr stark durch Farbe und Oberfläche unterscheiden. Zudem ist wirklich jedes gewachsene Stück Holz ein Unikat und erzählt seine ganz eigene Geschichte.

Sandra, Du lässt Skulpturen entstehen aber auch Bilder. Gibt es einen Favoriten?

Sandra: Ich finde Skulpturen sind ganz etwas anderes als Bilder. Das kann man nicht vergleichen. Ich liebe die Abwechslung. Die Technik, welche ich zur Zeit verwende, um Skulpturen/Plastiken entstehen zu lassen, ist sehr zeitaufwendig und somit mag ich es auch zu experimentieren, Neues auszuprobieren.

Was ist Euer individueller Ansatz, ob Projektarbeit oder freie Arbeit?

Manni: Durch die Bildhauerei habe ich einen Weg gefunden, meine Gedanken und Gefühle als dreidimensionale Skulptur auszudrücken, das heißt jede Skulptur ist auch ein Teil von mir selbst. Für mich geht es nicht immer nur darum, was ich mit einer Skulptur aussagen möchte, sondern auch darum, Neues auszuprobieren und um den Schaffensprozess.

Sandra: In der letzten Zeit geht es mir viel um die Faszination, aus einem Material, welches uns eigentlich in einer anderen Form/Materie/Haptik bekannt ist, wieder etwas Neues/Lebendiges, etwas ganz anderes zu erschaffen. Ich möchte meine Kunst auf den Betrachter wirken lassen, die eigene Fantasie anregen. Meine Arbeiten reichen von abstrakt bis figurativ. Der menschliche Körper beschäftigt mich dabei immer wieder und oft setze ich hierbei nur Fragmente um. Ich liebe die Abwechslung und genau das finde ich so schön in unserem Beruf, dass man sich immer wieder neu ausdrücken und sich weiterentwickeln darf.

Manni, Natur, die Berge und Deine Umgebung bedeuten Dir viel für Deine Arbeit?

Manni: Für mich wäre ein Leben ohne Berge undenkbar, da ich genau dort meine Kraft schöpfe und zur Ruhe komme. Es ist sehr wichtig, dass ich mich wohl fühle wo ich lebe und arbeite, denn nur so kann die Kreativität fließen. Die Natur ist es auch, die mich am meisten inspiriert.

 

Wie und wo entstehen Deine Ideen, Sandra?

Sandra: Die Idee entsteht im Kopf, ich sehe es dann bildlich vor mir. Mache mir Notizen und Skizzen. Es kommt aber auch vor, dass ich einfach drauf los arbeite und es aus meinem Bauchgefühl heraus entwickeln lasse. Je nachdem welches Werk entstehen soll, brauche ich vorab einen genaueren Plan, eine Skizze, Armierung, Form usw.

Gibt es auch Momente, in denen Ihr denkt, jetzt habe ich keine Idee mehr?

Sandra: Kommt ab und zu vor, zwar äußerst, äußerst selten, aber es kommt vor 😉 Wenn dann aber eher bei Auftragsarbeiten. Ansonsten habe ich noch so viele Ideen, dass ich Angst habe, nicht mehr alles in diesem Leben zu schaffen. Ich weiß, dass ich meine Ruhephasen benötige um produktiv und kreativ zu bleiben bzw. zu sein. Diese Ruhephasen sind enorm wichtig für mich, das habe ich gelernt. Ich nehme mir Zeit für mich, um in der Natur zu sein, Sport zu machen, Freunde zu treffen, alleine zu sein, zu meditieren, zu lesen… Ich versuche auf meinen Körper zu hören, dieser zeigt mir, was er gerade braucht.

Manni: Generell habe ich, wie Sandra, zu viele Ideen, sodass ich oft gar nicht weiß, welche ich als erstes umsetzen soll. Aber es kann schon mal sein, dass mir zu einem bestimmten Thema, zum Beispiel bei Auftragsarbeiten, länger nichts einfällt. Hier hilft oft ein ausgedehnter Spaziergang mit Sandra, bei dem wir uns dann über das jeweilige Thema austauschen und dann gemeinsam zu einer Lösung finden.

Eingangsbereich des Ateliers.

Sandra, Du verarbeitest auch das Material, das bei Mannis Arbeiten übrig bleibt. Woran erkennst Du, was noch zu gebrauchen ist und wie inspiriert Dich das „Restmaterial“ zu neuen Skulpturen?

Sandra: Ich entscheide intuitiv was ich noch verwenden möchte. Die erste Idee dazu entstand schon vor einigen Jahren. Ich dachte mir damals einfach, dass es doch schade ist, dieses Material weg zu werfen, dieses müsste man doch noch verwenden können. Somit lasse ich aus einem Wegwerfprodukt wieder etwas Lebendiges entstehen. Eine weitere Absicht ist, dass der Betrachter nicht gleich auf Anhieb erkennt, wie ich das gemacht habe bzw. welches Material es ist. Das soll die Fantasie anregen. Oft entstehen neue Inspirationen auch während des Schaffensprozesses.

Titel: EINSSEIN

Wie habt Ihr Euch (beruflich) gefunden?

Sandra: Als ich 2013 mit der Ausbildung fertig war, durfte ich im Sommer noch bei einem ehemaligen Bildhauerlehrer mitarbeiten. Fast gegen Ende des Sommers stand dann plötzlich Manni vor mir in der Werkstatt. Er hatte beruflich beim Sohn des Bildhauerlehrers zu tun. Manni besuchte ca. 10 Jahre vor mir dieselbe Bildhauerschule und kannte auch den Lehrer sehr gut. Dieser meinte dann zu Manni, dass er wieder jemandem im Atelier drüben hätte, er solle doch mal rüber schauen kommen 🙂 Gesagt getan! So stand er mir dann auf einmal gegenüber. Wir verstanden uns gleich sehr gut. Unter anderem suchte er auch einen Nachfolger/in für einen Bildhauerkurs, welchen er mehrere Jahre leitete und fragte mich, ob ich Interesse daran hätte und steckte mir gleich eine Visitenkarte von ihm zu 😉 Er meinte, ich sollte mich bei ihm melden. Am Kurs hatte ich kein Interesse, aber an Manni 😉 und somit führte das eine zum anderen.

Gibt es gemeinsame Projekte?

Sandra/Manni: Ja. Im Winter machen wir öfters gemeinsam Projekte aus Schnee und Eis (Schneeskulpturen), wie zum Beispiel die künstlerische Innengestaltung im Schneedorf Hochötz, wo wir die Wände der Iglus gestalten. Oder auch in der Iglu-Lodge in Oberstdorf, hier haben wir im Restaurant-Iglu die Gestaltung übernommen. Gemeinsam wurden wir schon öfters zum größten Kunstfestival der Alpen eingeladen, um überdimensionale Schneeskulpturen zu realisieren, oder an ihrem Eisschnitz-Wettbewerb teilzunehmen. Im Sommer sind wir öfters gemeinsam auf Künstlersymposien unterwegs. Beim Kulinarik & Kunst Festival in St. Anton am Arlberg durften wir schon mehrere Male große Land Art-Projekte umsetzen. Ansonsten arbeiten wir auch öfters an gemeinsamen größeren Projekten und Auftragsarbeiten für den öffentlichen Raum, zum Beispiel für Gemeinden und Tourismusverbände wie die Gestaltung von Themenwegen, Eingangsgestaltungen, Platzgestaltungen und mehr.

Kunstfestival Art on snow. Titel: In Gedanken.

Künstlerische Gestaltung des Schneedorfs Hochötz.

Was schätzt Ihr am jeweilig anderen?

Sandra: Ich schätze an Manni seine Ruhe und Gelassenheit, seine Ausgeglichenheit, Bodenständigkeit, Geduld, Hilfsbereitschaft. Er ist immer für mich da und steht zu mir (in guten, wie in schlechten Zeiten). Ich mag seine Ehrlichkeit, Offenheit und seinen Optimismus. Er kann gut planen, ist schnell, trotzdem genau und präzise. Er findet immer einen Weg, dass Projekte mit Planung auch umsetzbar sind bzw. realisiert werden können. Ich schätze sein bildhauerisches Können und auch, dass er sein Wissen mit mir teilt, an mich weitergibt. Seine ehrliche Meinung und seinen Sinn für ein Miteinander. Sein Durchhaltevermögen und seine Motivation.

Manni: An Sandra schätze ich besonders ihre offene und ehrliche Art. Wenn mal etwas nicht stimmt, merke ich das sofort bei ihr, weil sie sich nicht verstellt und wir dann gleich über alles reden können. Sie ist liebevoll, witzig, sehr einfühlsam und aufmerksam. Ihr fallen oft Dinge auf, die ich nicht bemerkt oder gesehen hätte. Sandra hat immer viele gute Ideen, wenn wir uns für Projekte oder Symposien bewerben. Auch hat sie ein besonderes Gespür für Farben und Formen und ist sehr experimentierfreudig, was sich auch in ihren Arbeiten widerspiegelt. Bei der Arbeit kann sie richtig anpacken und überrascht mich immer wieder, wie stark sie ist. Für mich ist es etwas ganz Besonderes, wenn man mit seiner Lebenspartnerin auch zusammen arbeitet. Dadurch verbringt man wesentlich mehr Zeit miteinander und teilt eine gemeinsame Leidenschaft, die Kunst.

Welche Wünsche habt Ihr für die Zukunft?

Sandra/Manni: Ein gemeinsames Häuschen (Blockbauweise) mit Atelier (Eigenbesitz) und erfolgreich von der Kunst zu leben und dass uns aber trotzdem noch Zeit für uns bleibt. Dies klingt vielleicht komisch, da wir ja oft 24/7 zusammen sind. Ich meine aber auch Zeit zu haben als Liebespartner und nicht nur beruflich. Zeit für gemeinsame Reisen, Wandern, Sport und mehr.

Ganz lieben Dank für das Interview. Ich wünsche Euch weiterhin viel Erfolg! Weitere Informationen unter Sandra Brugger und Manfred Hellweger.

 

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Über die Autorin

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Als Kommunikationsexpertin und freie Journalistin berate ich Unternehmen in Change Prozessen. Das Thema "Veränderung" hat mich schon immer fasziniert, vor allem weil jeder anders damit umgeht. Neues wagen verbinde ich mit geistiger Wachheit und Kreativität. Für meinen Blog bin ich immer auf der Suche nach interessanten Menschen und Geschichten, die mit Veränderung zu tun haben. Ich liebe es, aus einer Idee eine Story zu entwickeln. Dabei möchte ich mit meinen Geschichten informieren und inspirieren. Meine langjährige Kommunikationserfahrung habe ich in verschiedenen internationalen PR-Agenturen in Düsseldorf und als Pressesprecherin bei einem großen Finanzdienstleister in München gesammelt.